Monika Redman, Expertin für KI-Strategie und organisationale Transformation in der Automobilindustrie, DACH
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Das Organigramm entscheidet über die KI-Adoption

Warum KI-Strategie nicht in die IT gehört – und welche Struktur wirklich funktioniert

KI-Transformation ist in aller Munde – In Vorständen, Konferenzsälen, Studienpräsentationen. Was seltener diskutiert wird: Wie gut die Struktur dahinter trägt. Studien messen inzwischen, wie viele Unternehmen KI strategisch verankert haben. Was sie nicht messen, ist die nächste Frage: Wie kommt diese Strategie in die Operative? Ich beobachte Business & IT Alignment seit über 15 Jahren und habe dazu eine klare Haltung entwickelt. Die fange ich nun zu teilen.

Ich frage in Transformationsprojekten früh nach dem Organigramm. Nicht nach der Technologie, nicht nach den Budgets. Das Organigramm lügt selten: Es zeigt, was ein Unternehmen wirklich für wichtig hält und was es still aus den Entscheidungsräumen herausgehalten hat.

Die Frage, die mich bei KI-Strategie am meisten interessiert, ist deshalb keine technische. Sie lautet: Wer berichtet an wen?

In der Wirtschaft zeigt sich ein Muster. KI geht in die IT. Manchmal als durchdachte Entscheidung, meistens als Reflex: KI ist Technologie, Technologie gehört zu Technologie. Das klingt vernünftig. In der Praxis ist es ein Kategorienfehler.

Organisationsstruktur ist kein Selbstzweck

Wo eine Funktion im Organigramm angesiedelt wird, ist keine neutrale Entscheidung. Sie bestimmt, wer den Großteil des Budgets bekommt. Wer in strategischen Entscheidungsräumen sitzt. Wer direkten Zugang zur Geschäftsführung hat – und wer draußen wartet.

KI-Strategie in der IT zu verorten, sendet eine klare organisationale Botschaft: Das ist ein Effizienzthema. Technik. Infrastruktur. Keine Führungsaufgabe.

Dabei ist der Leistungsauftrag fundamental verschieden. IT-Abteilungen in Großorganisationen sind exzellent in dem, was sie tun: Systeme stabil halten, Sicherheitsarchitekturen bauen, technische Schulden managen. Wichtige Aufgaben, aber ein anderer Auftrag als der, worum es bei KI-Strategie geht. Diese fragt: Welche Prozesse werden in fünf Jahren nicht mehr existieren? Welche Fähigkeiten müssen wir aufbauen, bevor wir sie brauchen? Wo liegt der Unterschied zwischen Automatisierung und Transformation? Das sind keine Infrastrukturentscheidungen. Das ist Unternehmensstrategie.

Eine Nuance verdient hier Aufmerksamkeit, die oft untergeht: Nicht jede IT-Einheit ist gleich. Es gibt strategisch ausgerichtete Enterprise-Architecture- oder Digital-Strategy-Funktionen, die formal zur IT gehören, aber faktisch anders arbeiten. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht der Abteilungsname, sondern das Mandat und die Berichtslinie. Wer hat Zugang zu welchen Entscheidungsräumen, und mit welchem Auftrag?

Ein Schiff, das seinen Kompass im Maschinenraum aufhängt, fährt gut, nur nicht unbedingt in die richtige Richtung. Der Maschinenraum sorgt dafür, dass es sich bewegt. Wohin es fährt, entscheiden andere. KI-Strategie in der IT zu verankern ist genau das: Das Navigationsinstrument dort platzieren, wo Kursbestimmung keine Aufgabe ist.

Nach über 15 Jahren in Projekten, die Business und IT verbinden, sehe ich ein konsistentes Bild: Initiativen, die nah an der Unternehmensführung angesiedelt sind, überleben. Initiativen, die operativ vergraben sind, werden bei der nächsten Effizienzrunde zum Einsparpotenzial.

Was die Zahlen zeigen

Laut BCG AI Radar 2026, einer Befragung von 2.360 Führungskräften auf C-Level aus 16 Ländern, sehen sich fast drei Viertel der CEOs heute als Hauptentscheider:innen für KI in ihrem Unternehmen. Doppelt so viele wie noch im Vorjahr. KI ist damit immerhin auf der höchsten Führungsebene angekommen. Die Unternehmen, die das organisational noch nicht abgebildet haben, laufen strukturell hinterher.

Noch deutlicher wird das beim Blick auf Ergebnisse: Führungskräfte auf C-Level-Ebene, die aktiv in KI involviert sind, haben laut BCGs Bericht „The Widening AI Gap“ (September 2025) eine zwölfmal höhere Wahrscheinlichkeit, zur Spitzengruppe der KI-Innovatoren zu zählen. Diese Zahl hat mich bei meiner Recherche nicht überrascht. Strategische IT-Themen müssen so eng mit der Unternehmensstrategie verzahnt werden, dass kein Sandkorn im Rad Platz hätte – das sagt die Wirtschaftsinformatik seit Jahrzehnten.

Nur KI 2026 ist bedeutungsvoller als alle Digitalisierungsthemen der 2010er Jahre: Big Data, Cloud Computing, Social Media haben nie jede einzelne Abteilung gleichzeitig erfasst. KI tut es.

Was diese Zahlen in der Praxis bedeuten: Organisationen, die Piloten akkumulieren, ohne sie zu skalieren. KI-Kompetenz, die aufgebaut wird (oder sich eigenständig aufbaut) und dann abwandert. Use Cases, die an Abteilungsgrenzen steckenbleiben, weil niemand mit ausreichend Mandat, ausreichend Durchschlagskraft, die Verbindung herstellt.

Das berechtigte Gegenargument

Hier kommt der Einwand. Der nicht falsch ist.

Eine KI-Funktion, die zu weit von der operativen Realität entfernt ist, wird zur Parallelwelt. Strategie-Folien, die niemand liest. Workshops, nach denen nichts passiert. KI-Expert:innen, die verstehen, wie Modelle funktionieren, aber nicht, wie der Qualitätssicherungsprozess in der zweiten Hierarchieebene tatsächlich läuft.

Der Elfenbeinturm-Effekt ist real. Ich habe ihn gesehen. Er entsteht nicht, weil die Funktion zu hoch angesiedelt ist, sondern weil die Verbindung in die operativen Ebenen fehlt. Das ist ein Zusammenarbeitsproblem. Aber kein Argument gegen strategische Verankerung.

Die hybride Antwort

Die Unternehmen, die KI wirklich skalieren, bauen weder eine zentralisierte Einheit, die alles von oben steuert, noch eine dezentralisierte Struktur, in der jeder Fachbereich seine eigene Sonderlösung entwickelt.

Was ich in Transformationsprojekten als funktionierend beobachte (und was die Forschung zu digitalisierten Betriebsmodellen als wiederkehrendes Erfolgsmuster beschreibt): Eine zentrale Einheit unter der Geschäftsführung oder integriert in Unternehmensentwicklung verantwortet Strategie, Standards, Governance und Kompetenzaufbau. Dezentrale KI-Verantwortliche in den Fachbereichen übersetzen das in die Praxis. Als Vollzeitrollen mit konkretem Mandat, die in beide Richtungen kommunizieren: Zur Zentrale und in den operativen Alltag hinein.

BCG hat die zugrunde liegende Logik auf eine hilfreiche Formel gebracht: 10 Prozent des Aufwands bei KI-Transformationen liegen im Aufbau des eigentlichen Modells und Algorithmen, 20 Prozent in Daten und Technologie und 70 Prozent in der Entwicklung neuer Geschäftsprozesse und der Transformation von Arbeitsweisen. Wer KI-Strategie rein in der IT verankert, optimiert strukturell für den kleineren Teil. Den größeren – Menschen, Prozesse, Veränderung – lässt er ohne strategische Heimat.

John Kotter hat ein verwandtes Prinzip beschrieben: Unternehmen, die Transformation tatsächlich umsetzen, brauchen zwei parallele Betriebssysteme – eine stabile Hierarchie für das Tagesgeschäft und ein beweglicheres Netzwerk, das Veränderung vorantreibt. Was er als allgemeines Organisationsprinzip formuliert hat, trifft auf KI-Strategie mit besonderer Schärfe zu. Die Fachbereiche kennen das Terrain. Die Zentrale gibt den Kurs. Der Kompass gehört auf die Brücke, aber er muss mit dem Maschinenraum in Verbindung stehen, damit die Richtung auch gefahren wird.

Das berührt unmittelbar eine Frage, die das Harvard Business Review im April 2026 stellt: CEOs stehen vor der Wahl, KI primär als Automatisierungstool zu nutzen – zur Kostenreduktion und Effizienz – oder als Werkzeug, das menschliche Fähigkeiten erweitert und neue Wertschöpfung erschließt. Augmentierung schneidet langfristig besser ab, weil der dauerhafte Erfolg eines Unternehmens davon abhängt, wie Menschen ihre Arbeit wahrnehmen, ob sie neue Werkzeuge sinnvoll nutzen und ob Top-Talente bleiben. Welche dieser Perspektiven eine Organisation einnimmt, hängt oft an einer einzigen Variable: Wo KI-Strategie im Organigramm sitzt. In der IT dominiert die Automatisierungslogik. Auf Führungsebene entsteht Raum für die andere Frage.

Was das hybride Modell voraussetzt: Klare Mandate, definierte Schnittstellen, und eine Geschäftsführung, die KI-Themen aktiv treibt. Nicht einmal pro Quartal im Strategiemeeting, sondern regelmäßig, konkret, mit Konsequenzen.

Was es kostet, wenn es falsch läuft

In vielen Großorganisationen ist der entscheidende Fehler nicht bei der Technologiewahl passiert, er passiert im Organigramm. Still und oft ohne Bewusstsein dafür, was dabei alles entschieden wird.

Das Symptom, das ich am häufigsten sehe: KI-Kompetenz, die das Unternehmen verlässt, weil sie keine strategische Heimat findet. Und irgendwann eine externe Beratung, die empfiehlt, was intern längst jemand gesagt hatte – auf einer Ebene, auf der es nicht ankam.

Der Schaden ist messbar: In Projektlaufzeiten, Talentfluktuation, verpasster Marktgeschwindigkeit. Wer hofft, eine Strukturentscheidung mit Technologieinvestitionen zu kompensieren, überstreicht eine gerissene Wand. Sieht temporär ordentlich aus, hält aber nicht lange.

Die strategische Entscheidung, die übersehen wird

Wer entscheidet, wo KI-Strategie angesiedelt wird, trifft gleichzeitig eine Aussage darüber, was das Unternehmen für wichtig hält. Was es für eine Infrastrukturfrage hält, und was für eine zentrale Führungsaufgabe.

Diese Entscheidung wird selten als strategische, essenzielle Entscheidung erkannt. Sie passiert zwischen anderen Prioritäten. Unter Druck. Manchmal ohne explizite Diskussion, manchmal als politischer Schachzug, manchmal als Interimslösung, die niemand mehr hinterfragt.

Für mich ist das die eigentliche Lücke in der gegenwärtigen Debatte. Studien messen die Adoptionsquoten, die CEO-Commitments, die Investitionspläne. Was schwerer zu messen ist: Ob die Frage nach der richtigen Struktur überhaupt gestellt wurde, bevor die Entscheidung bereits gefallen ist.

Der Kompass muss auf die Brücke. Nicht weil das ein elegantes Organisationsmodell wäre, sondern weil Kursbestimmung eine Führungsaufgabe ist. Das galt vor KI. Mit KI gilt es noch konsequenter.


Ich schreibe das als Wirtschaftsinformatikerin, die in der Automobilindustrie und darüber hinaus gelernt hat, dass digitale Transformation selten an der Technologie scheitert. Was mich antreibt, ist die Lücke zwischen strategischer Absicht und operativer Wirklichkeit – und die Überzeugung, dass genau diese Lücke zu selten offen diskutiert wird. Über dieses Thema würde ich mich freuen zu sprechen.

Was beobachtest Du in Deinen Organisationen?

Monika Redman, Management Consultant und Transformationsexpertin, spezialisiert auf KI-Enablement und Agile Transformation in der Automobilindustrie

Disclaimer: Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten sind meine persönlichen und stehen in keinem Zusammenhang mit meinem aktuellen Arbeitgeber oder vorigen Arbeitgebern.