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Wirtschaftsstandort Deutschland: Warum wir die falsche Debatte führen

Transformation scheitert nicht an Tools oder Prozessen. Es scheitert an Leadership.

Gerade bei LinkedIn gesehen: Eine Debatte über den Wirtschaftsstandort Deutschland, garniert mit Zahlen zum Stellenabbau großer Unternehmen und einer Schlagzeile, die aus der BILD-Zeitung stammen könnte.

Zahlen ohne Kontext sind Stimmung — gut verkleidet.

Restrukturierungen, die über mehrere Jahre angelegt und sozialverträglich gestaltet sind, erscheinen im Feed als Kahlschlag. Das formt den Rahmen. Und darin diskutieren wir dann Lösungen — ohne zu hinterfragen, ob der Rahmen überhaupt stimmt.

Einer der Sätze, der mich nicht loslässt: Transformation sei zum Modewort verkümmert.

Stellen wir uns vor, ein Navigationssystem zeigt den kürzesten Weg. Der Fahrer fährt trotzdem die alte Strecke, weil er der Karte nicht traut, weil er die Abzweigung schon immer so gemacht hat. Keiner fragt, ob das Ziel überhaupt noch stimmt. Das Navigationssystem ist hier nicht das Problem.

Genau das beobachte ich in vielen Transformationen: Technologie ist vorhanden. Prozesse werden designed. Und dann trifft das alles auf Organisationen, die sich im Kern nicht wirklich verändern wollen oder können — weil Leadership-Strukturen das nicht tragen, weil Veränderung nie wirklich Priorität hatte, weil der Sponsor das nächste Steuerungskomitee verlässt und danach niemand mehr fragt.

McKinsey beziffert die Misserfolgsrate großer Transformationsprogramme auf rund 70 Prozent. Als primäre Ursache: kulturelle und organisationale Faktoren. Nicht fehlende Tools. Nicht mangelnde Digitalisierung.

Digitalisierung und Prozessänderung sind sehr wohl in Sicht. Sie zeigen den Weg. Gefahren wird oft trotzdem die alte Strecke. Da gehört Transformation hin — in die Strukturen, die Führungslogik, die Bereitschaft zur echten Veränderung.

Und dann die sogenannten „Luxusfragen“. Ob Unternehmen Gehälter offenlegen. Ob Menschen selbst entscheiden, wo sie arbeiten. Offenbar ist das Luxus.

Gehaltstransparenz ist 2026 keine Sozialromantik mehr — sie ist EU-Pflicht. Die Entgelttransparenzrichtlinie wird dieses Jahr verbindlich. Deutschland liegt beim unbereinigten Gender Pay Gap bei 16 Prozent (Destatis, 2025). Frauen verdienen also im Schnitt 16 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Bereinigt um Branche, Teilzeit und Karrierelevel bleibt eine Lücke von 6 Prozent. Was sie verursacht — unbewusste Voreingenommenheit (Unconscious Bias), Verhandlungsdynamiken, strukturelle Benachteiligung in Beförderungsprozessen — das erfasst das statistische Modell nicht. Aber es ist real, und es hat Konsequenzen.

Gehaltstransparenz schließt Lohnlücken, und diese Lohnlücken kosten — Talente, Rekrutierungsbudget, Leistung. Laut BCG erzielen Unternehmen mit überdurchschnittlicher Vielfalt im Management 19 Prozent höhere Innovationsumsätze und 9 Prozent höhere EBIT-Margen (BCG, 2018). Das ist kein HR-Thema. Das ist eine Ergebnisfrage.

Und Home Office? Hybrides Arbeiten kostet keine Produktivität. Es senkt Fluktuation — und Fluktuation ist teuer, messbar, strukturell unterschätzt. Das hat die Stanford University in mehrjähriger Forschung belegt.

Was mich an dieser Debatte stört, ist nicht die Sorge um den Wirtschaftsstandort. Die ist berechtigt.

Es ist der Reflex, Kulturarbeit als nicht geschäftskritisch abzutun — während man Leadership gleichzeitig stolz als Kernkompetenz im eigenen Profil führt.

Leadership ohne Interesse an den Menschen, die eine Organisation tragen, ist Deko.

Pessimismus ist kein Realismus. Er ist der bequemste Ausweg aus der Komplexität.


Quellen

Statistisches Bundesamt (Destatis): Gender Pay Gap 2025 — unbereinigt 16 %, bereinigt 6 %. Pressemitteilung, Dezember 2025. destatis.de

Europäische Union: Richtlinie 2023/970 zur Stärkung der Anwendung des Grundsatzes des gleichen Entgelts (Entgelttransparenzrichtlinie). In Kraft seit Mai 2023, Umsetzungsfrist bis Juni 2026.

Lorenzo, R. et al. / Boston Consulting Group: „How Diverse Leadership Teams Boost Innovation.“ BCG, 2018. bcg.com

Bloom, N. / WFH Research, Stanford University: Mehrjährige Studienreihe zu hybridem Arbeiten, Produktivität und Fluktuation. 2022–2024. wfhresearch.com

McKinsey & Company: Misserfolgsrate großer Transformationsprogramme (~70 %), kulturelle und organisationale Faktoren als primäre Ursache.


Disclaimer: Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten sind meine persönlichen und stehen in keinem Zusammenhang mit meinem aktuellen Arbeitgeber oder vorigen Arbeitgebern.